Digitalstrategie - modernes Hochhaus

Digitalstrategie – in 12 Schritten überzeugend gestaltet (Teil 1)

Die Entwicklung einer Digitalstrategie ist ihre Aufgabe? Glückwunsch – ein hochspannendes Projekt. Längst nicht alle Unternehmen in Deutschland verfügen bereits über ein Set an in sich stimmigen, überzeugenden Überlegungen dazu. Erst recht verdienen nicht alle die Bezeichnung „Digitalstrategie“. Zum Beispiel dann, wenn vor allem neue Geschäftsmodelle im Fokus stehen, ohne dass die Weiterentwicklung des Unternehmens als Ganzes ebenfalls Gegenstand der strategischen Ausrichtung ist.

Viele, die in den letzten Jahren bereits „vorgelegt“ haben, überarbeiten gegenwärtig ihre Digitalstrategie. Kein einfaches Unterfangen. Immerhin geht es um nicht weniger als darum, ein intelligentes Unternehmen zu erschaffen. Richtungsentscheidungen sind zu treffen, alle Unternehmenseinheiten einzubeziehen. Im Anschluß müssen Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten und Kontrollorgane überzeugt werden.

Der Ablauf eines solchen Vorhabens lässt sich in 12 Schritte einteilen. In einer ersten Phase stehen vier Schritte an.

Schritt 1: Verständnis von Industrie 4.0 

Ohne Verständnis, dass es sich bei Industrie 4.0 um das vierte industrielle Zeitalter handelt, geht es nicht. Jedes Unternehmen, jede Organisation muss verstehen, dass wir nach einem Zeitalter der Informationsverarbeitung (Industrie 3.0) nun in ein Zeitalter der digitalen Intelligenz eingetreten sind. Dieses eröffnet bislang unbekannte Möglichkeiten der FLEXIBILISIERUNG – INDIVIDUALISIERUNG – AUTOMATISIERUNG jeder Wertschöpfung (zur Vertiefung: https://digital-innovativ-disruptiv.de/von-industrie-4-0-zu-industrie-x-0/).

Kern jener digitalen Intelligenz sind die Erhebung von Daten, die Verarbeitung von Daten zu Informationen und die Verarbeitung von Informationen mittels Digitaltechnologien. Die Zukunft wird immer besser antizipierbar und in innovativen Produkten, Prozessen und Geschäftsmodellen umgesetzt. Gleichzeitig sinken die Kosten einzelner Digitaltechnologien kontinuierlich.

Die Folge liegt auf der Hand: Die Rahmenbedingungen, unter denen Unternehmen und Organisationen agieren, werden volatiler, unsicherer, komplexer und mehrdeutiger. Eine VUCA-Welt entsteht. VUCA steht als Kunstwort für jene Volatilität (Volatility), Unsicherheit (Uncertainty), Komplexität (Complexity) und Mehrdeutigkeit (Ambiguity). Der Begriff selbst ist längst abgenutzt. Der Innovationskraft des eigenen Unternehmens Top-Priorität einzuräumen, ist demgegenüber wichtiger denn je. 

Handlungsempfehlungen: 

  • Bauen Sie im Kreis von Unternehmensleitung und Führungskräften ein gemeinsames Verständnis von der Industrie 4.0 auf.
  • Überzeugen Sie die Unternehmensleitung, zu allen Anlässen zu kommunizieren, worum es geht und worauf es ankommen wird, um zukünftig erfolgreich zu sein.
  • Definieren Sie den mittlerweile abgedroschenen Begriff „Agilität“ und damit die Anforderungen bezüglich Anpassungsfähigkeit, Beweglichkeit und Innovationskraft individuell für Ihr Unternehmen neu.
  • Schärfen Sie die im Führungskreis entwickelte Sicht auf Industrie 4.0 kontinuierlich ein bis zwei Mal im Jahr nach.

Schritt 2: Vision als Unternehmen und erstes Zielbild

Eine Vision zu entwickeln heißt, ein echtes, kraftvolles, glaubwürdiges Bild von einer wünschenswerten Zukunft zu malen. In seinem Mittelpunkt steht das eigene Unternehmen. 

Sollten Sie diesen Schritt für verzichtbar halten, nehmen Sie Ihrem Unternehmen eine Chance. Die sich bietenden Chancen (aber auch Risiken) einer Industrie 4.0 für das eigene Unternehmen strukturiert zu identifizieren, schärft den Blick. Nicht selten auch die Einstellung aller Beteiligten zum Thema selbst. So sollten z.B. Unternehmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau und der Zulieferindustrie wissen, welche Auswirkungen die Elektrifizierung des Antriebsstrangs von Fahrzeugen auf sie hat (VDMA 2018, Antrieb im Wandel). Vergleichbare Perspektiven gibt es sicherlich auch für die wichtigsten Digitalisierungstreiber Ihrer Industrie. Falls nicht, dann sind Sie selbst und Ihr Unternehmen gefordert.

Im Tagesgeschäft hat ein von der Unternehmensleitung vorgegebenes Zielbild Vorteile. Es definiert die bis zu einem Zeitpunkt X zu erreichenden Ziele und hilft, Ergebnisfortschritte allen Mitarbeitern zu kommunizieren. ‚Messlatte‘ sind die Vorgaben bezüglich Geschäftsentwicklung, operativer Exzellenz sowie anderer messbarer Ziele. 

Handlungsempfehlungen: 

  • Erarbeiten Sie für Ihr Unternehmen eine Vision, sein Bild von einer wünschenswerten Zukunft.
  • Definieren Sie ein erstes Zielbild, das „in großen Zügen“ zeichnet, welche Ziele Ihr Unternehmen für die nahe Zukunft anstrebt

Schritt 3: Anforderungen an die Unternehmensbereiche

Ist das, was Industrie 4.0 ausmacht – einschließlich ihrer Chancen und Risiken für die eigene Branche sowie angrenzende Branchen – allen Führungskräften präsent, ist die Grundlage geschaffen, um erste Anforderungen an die einzelnen Unternehmensbereiche zu erarbeiten.

Direkt wertschöpfende Unternehmensbereiche, etwa Marketing, Vertrieb, Kundenservice, F&E, Produktion und Logistik, sollten vor allem drei Fragen in den Vordergrund stellen:

Frage 1

Wie wandeln sich die Anforderungen der Kunden an unsere Produkte und unser Unternehmen in der Industrie 4.0? 

B2C-seitig sind dies zum Beispiel digitale Schnittstellen, etwa Apps, individuelle Lösungen, komfortable Bedienung und variable Bezahlung. In B2B-Industrien lauten die Stichworte: „Plattformen“, “Internet of Things” und “Machine-2-Machine”-Kommunikation. Zudem wünschen sich Kunden, dass qualitativ gute Produkte durch passgenaue Services ergänzt werden. Dabei erwarten Nutzer nicht nur im B2C eine konsistente Erfahrung über alle Geräte und Kanäle hinweg – im B2B ist dies mittlerweile ebenso der Fall. 

Frage 2

Ist eine Verschiebung der Wertschöpfung in unseren Märkten zu erwarten? Welche Marktteilnehmer sind die treibenden Kräfte?

Die Wertschöpfungsketten der Zukunft vorzudenken ist hochspannend. Damit eng verbunden sind die folgenden Aspekte: Entstehen neuer und Verschwinden bestehender Marktrollen; Besetzung der Marktrollen auch durch andere Akteure als die heutigen; Entstehen neuer Formen und Strukturen von Kooperationen; Verschiebung von Wertschöpfungsanteilen und Marktmacht; Struktur zukünftiger Wertschöpfungsnetzwerke, je nachdem, welche alternativen Technologien und Standards sich durchsetzen werden.

Frage 3

Welche Chancen liegen in neuen Geschäftsmodellen bzw. in der Digitalisierung heutiger Geschäftsmodelle?

Dass digitale Technologien für die eigenen Geschäftsmodelle inzwischen eine ähnlich große Rolle spielen wie neue, in aller Regel stark digitale Geschäftsmodelle, hat sich mittlerweile herumgesprochen.

Mit der Digitalisierung der heutigen Geschäftsmodelle werden insbesondere Produktivitätszuwächse und damit EBIT-Steigerungen beabsichtigt. Diese sind für deutsche Unternehmen, die in ihrem Selbstverständnis eher von moderaten Umsatzzuwächsen geprägt sind, besonders wichtig. Neue Geschäftsmodelle, insbesondere sog. Plattform-Geschäftsmodelle, stehen demgegenüber für neue Umsatzströme.

Dass neue Geschäftsmodelle größere Erfolgschancen haben, wenn das Unternehmen auch seine tradierten Geschäftsmodelle – soweit möglich – digitalisiert, diese Erkenntnis setzt sich langsam durch. Dabei liegt der Gedanke auf der Hand: Nur wenn Unternehmen sich auf breiter Front digitalisieren, setzt es sich einer Transformation aus, die das Unternehmen gesamthaft modernisiert. Alles andere führt dazu, dass einzelne Unternehmensbereiche in ihren tradierten Geschäftsprozessen verharren, und Wettbewerbsnachteile aufbauen, obwohl das Geschäftsmodell selbst in einer zunehmend digitalen Welt Erfolgschancen hat.

Für indirekt wertschöpfende Unternehmensbereichen wie Finanzen, Beschaffung, Personal und IT sind die Fragen ähnlich:

  1. Inwiefern verändert Industrie 4.0 die Stakeholder-Erwartungen an uns – also der Unternehmensleitung sowie aller Einheiten, zu denen wir in Leistungsbeziehungen stehen, sowie unseren heutigen und kommenden Mitarbeiter? 
  2. Unter welchen Umständen wird die Wettbewerbsfähigkeit unseres Unternehmensbereichs nachlassen?
  3. Welche Chancen eröffnet die Digitalisierung unserem Unternehmensbereich?

Ein Beispiel für die Bestimmung von Industrie 4.0-Handlungsfeldern für verschiedene Unternehmensbereiche liefert das in der Elektrotechnik, Elektronik und Automation führende Unternehmen PhoenixContact (Homepage PhoenixContact 2019).

Handlungsempfehlungen: 

  • Definieren Sie die Handlungsanforderungen an die verschiedenen Bereiche aus externer und aus interner Kundensicht.

Schritt 4: Innovations- und Technologiefokus

Sind oben genannte Fragen beantwortet, steht in aller Regel fest, wie wichtig Innovationskraft künftig ist. Innovationen, d.h. am Markt erfolgreiche Produkt-, Dienstleistungs-, Service-, Prozess, Marketing- oder Geschäftsmodell-Novitäten werden zur ‚conditio sine qua non‘ der Unternehmenszukunft. Darauf werden nur die wenigsten Unternehmen verzichten können.

Schon in der Vergangenheit war es nicht einfach, Kundenwünsche zu erfüllen. In einer VUCA-Welt wird es nicht einfacher – im Gegenteil. Innovationen müssen sich immer öfter auf eine bestimmte „Aufgabe“ fokussieren, die hinreichend viele externe oder interne Kunden in einer zunehmend digitalen Welt mit einem Produkt / einer Dienstleistung erledigen möchten. 

Innovationsfelder

Dafür müssen eine Reihe von Fragen top-down beantwortet werden. Mit ihnen gelingt der Einstieg in Überlegungen, den Innovationsfokus Ihres Unternehmen zu konkretisieren und in Leitlinien zum Thema „Innovation“ zu operationalisieren:

  • Welche Zielmärkte bieten sich für unser Unternehmens an und wer sind die Kunden in diesen Märkten?
  • Welche konkrete Aufgabe wollen Kunden in jenen Märkten mit einem Produkt / einer Dienstleistung erledigen? 
  • Ermöglichen unerfüllte Kundenbedürfnisse, in jenen Märkten mit neuen Produkten / Dienstleistungen erfolgreich zu sein?
  • Welche Kundensegmente stellen pro Markt die attraktivsten Zielgruppen dar? 
  • Kennen wir unseren internen Innovationsbedarf hinsichtlich derjenigen Aufgaben, die unsere Mitarbeiter tagtäglich zu erledigen haben, um in unseren Zielmärkten Spitzenleistungen zu erzielen?

Digitaltechnologien

Daneben sind die für Ihr Unternehmen erfolgskritischen Technologien in einer digitalen Welt zu identifizieren. Vermutlich kommen diese aus den folgenden Felder:

  1. Erfolgskritische Informationen und ihre Gewinnung (von Sensorik über Big Data bis zu Cognitive Computing)
  2. Erfolgskritische Software und ihre Bereitstellung (von Applikationen über Cloud Computing bis hin zu Microservices)
  3. Erfolgskritische Hardware und ihr Einsatz (von Mainframe vs. Quantum Computing bis hin zu Digitalen Devices (Wearables, Drohnen, autonome Fahrzeuge, AR / VR / MR-Headsets u.a.))
  4. Kommunikationstechnologien (von WLAN bis 5G)
  5. Interaktionstechnologien (u.a. Maschine-Mensch, Produkt-Mensch, Maschine-Maschine)
  6. Website-Technologien (E-Shop, Progressive Web Apps. u.a.)
  7. Social Media-Technologien (von Social Networks bis Messenger Diensten)
  8. Immersivtechnologien (Erweiterte / virtuelle / gemischte Realität)
  9. IoT-Technologien (von Gebäude- & Haus-Automation über digitale Gesundheit bis hin zur smarten Umwelt)
  10. Simulationstechnologien (Digital Twin u.a.)
  11. Automatisierungstechnologien (Robotics Process Automation, Robotik, u.a.)
  12. Distributed-Ledger-Technologien (Blockchain, Smarte Verträge, u.a.)
  13. Produktionstechnologien (3-D-Druck, 4-D-Druck, u.a.)
  14. Bezahltechnologien (Mobiles Bezahlen, u.a.)
  15. Cyber Security-Technologien
  16. Kryptowährungen (Bitcoins, Ethereum, u.a.)

Wer die in Betracht kommenden Digitaltechnologien identifiziert hat, definiert im Anschluss die für seine Geschäfte wirklichen Top-Technologien.

Daneben gibt es noch einen weiteren, mindestens ebenso wichtigen Aspekt. Spielt die Kombination von Digitaltechnologien eine wichtige Rolle? Sie tut es. Digitale Transformation auf einem bestimmten Feld bedeutet oftmals die Kombination verschiedener digitaler Technologien. E-Commerce in seiner einfachsten Form bedeutet z.B. die Kombination von 4G + Software + Big Data + Künstliche Intelligenz.

Der internationale Consulting- und Technologiedienstleister Accenture empfiehlt Industrieunternehmen, gleich fünf digitale Technologien ins Auge zu fassen – autonome Fahrzeuge, erweiterte und virtuelle Realität, Big Data, maschinelles Lernen und mobiles Computing. Ihre Kombination soll zusätzliche Einsparungen von über 85.000 USD pro Mitarbeiter ermöglichen (Accenture 2018 – Industry X.O whitepaper). 

Liegen damit der Innovations- und der Technologiefokus als strategische Eckpfeiler auf dem Tisch, ist der Weg frei, für die verschiedenen Unternehmensbereiche Prioritäten zu definieren und erste sog. use cases ins Auge zu fassen. 

Handlungsempfehlungen: 

  • Bestimmen Sie den Innovationsfokus Ihres Unternehmens aus der Perspektive seiner Zielmärkte.
  • Definieren Sie die Top-Technologien, durch die Ihr Unternehmen erfolgskritische Impulse für seine Geschäfte erwartet. 

(Teil 2 folgt)

Fotos:

  • Dan Schiumarini, www.unsplash.com
  • Joey Kyber, www.unsplash.com

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